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Otto Brenner Stiftung legt erste Studie zur „Nachwendegeneration“ vor

Am 09. November 2019 jährt sich der Fall der Berliner Mauer zum 30. Mal. Die Teilung Deutschlands ist Geschichte, die staatliche Einheit verwirklicht. Im Herbst wird das Jubiläum gefeiert, Bilanz gezogen. Doch welche Einstellungen zeichnen diejenigen aus, die die Teilung Deutschlands und „die Mauer“ gar nicht mehr selbst erlebt haben? Ist diese „Nachwende“-Generation in ihrer Haltung zur Politik, Gesellschaft und Wirtschaft tatsächlich vereint – oder immer noch gespalten?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich die von der Otto Brenner Stiftung geförderte Untersuchung „Im vereinten Deutschland geboren – in den Einstellungen gespalten?“, die ein Forscherteam um Rainer Faus von der Forschungs- und Beratungsagentur pollytix erstellt hat. Die Ergebnisse der repräsentativen Erhebung zeigen eindeutig: Die Mauer in den Köpfen existiert auch bei den ab 1989 Geborenen noch, auch wenn sie bröckelt.

Ungleiche Lebensumstände führen zu unterschiedlichen Einstellungen

Differenzen bestehen einmal in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation: Während nur 59% der jungen Ostdeutschen die wirtschaftliche Lage ihrer Region als gut einschätzen, tun dies 74% der jungen Westdeutschen. Ähnliches zeigt sich auch mit Blick auf die Arbeitsmarktperspektiven. Hier sehen lediglich 46% der Ostdeutschen der Nachwendegeneration in der eigenen Region gute Chancen für sich selbst, während dies auf 57% der jungen Westdeutschen zutrifft. Hinsichtlich der Einstellungen zu Politik und Gesellschaft lässt sich feststellen, dass junge Ostdeutsche seltener als junge Westdeutsche mit den Leistungen der Demokratie zufrieden sind (Ost: 51%; West: 58%) und seltener den Eindruck haben, dass es in der Gesellschaft gerecht zugeht (Ost: 41%; West: 53%).

Die Ursachen für diese Unterschiede zwischen Ost und West, so ein zentraler Befund der Studie, sind dabei weniger auf „kulturelle“ Differenzen und Unterschiede in der eigenen Sozialisation zurückzuführen, sondern liegen eher in der konkreten jeweiligen Situation begründet: Unabhängig von West und Ost hängen Demokratiezufriedenheit und Gerechtigkeitsempfinden davon ab, ob junge Bürger*innen die wirtschaftliche Lage ihrer Region und ihre dortigen Perspektiven als gut wahrnehmen. „Die Ergebnisse unterstreichen die zentrale Bedeutung der politischen Aufgabe, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen“, fasst Studien-Coautor Simon Storks zusammen. Angesichts dieser Ergebnisse und der Tatsache, dass ein grundgesetzlicher Auftrag zur Angleichung der Lebensverhältnisse vorliege, müsse das Thema „mit neuem Schwung“ angegangen werden, meint Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung. „Inmitten der aktuellen politischen Umbrüche und sozialen Verwerfungen kann sich unsere Demokratie keine verschenkten Sympathiepunkte leisten“, führt Legrand weiter aus.

Nachwirkungen der Wiedervereinigung

Noch größer als bei den politischen Einstellungen sind die Unterschiede allerdings bei den Einschätzungen und Bewertungen zur Wiedervereinigung. Zwar antworten etwa zwei Drittel der jungen Bürger*innen in West wie Ost, dass die Wiedervereinigung insgesamt gelungen und so lange her ist, dass sie für das eigene Leben keine Rolle mehr spielt. Trotzdem stimmen 57% der jungen Westdeutschen, aber nur 33% der jungen Ostdeutschen der Aussage zu, dass es heutzutage keinen Unterschied mehr macht, ob man aus West- oder Ostdeutschland kommt. Darüber hinaus sind die Wiedervereinigung und ihre Folgen für junge Ostdeutsche deutlich präsenter. Dazu passt, dass „ostdeutsch“ für junge Menschen aus der Nachwendegeneration im Osten auch eher Teil ihrer Identität ist, als „westdeutsch“ für gleichaltrige Westdeutsche. Jede*r fünfte Bürger*in der Nachwendegeneration in Ostdeutschland fühlt sich eher als „Ostdeutsche*r“ denn als „Deutsche*r“. Ein westdeutsches Pendant zu dieser regionalen Identität gibt es nicht: Hier fühlt sich nicht einmal jeder zwölfte zuerst als „Westdeutsche*r“. Es gelte also auch noch in dieser jungen Generation „Transformationserfahrungen zu erzählen, Transformationsleistungen anzuerkennen, gegenseitiges Verständnis zu stärken und Berührungspunkte zu schaffen“, schlussfolgert Autor Simon Storks. Mit Blick auf die festgestellten Unterschiede fasst sein Kollege Rainer Faus zusammen: „Teils sind diese durch die Elterngeneration vermittelt, teils durch unterschiedliche Chancen in den Landesteilen, auf jeden Fall muss die Politik diese Ergebnisse aber ernst nehmen.“ Auch für die Otto Brenner Stiftung ist der politische Auftrag klar. Umso erfreulicher sei jedoch, so Geschäftsführer Legrand, dass trotz aller Unterschiede der Blick in die Zukunft in der jungen Generation beider Landesteile gleichermaßen zuversichtlich ist. Dies sei schließlich „das beste Fundament für die zukünftige, wirkliche Einheit.“

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